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Anke Feuchtenberger
WIR SELBST ALS STEINE
Gedanken zu den Bildern von Gosia Machon

 

 


Unsere Schöpferin schöpft hier aus dem Vollen.
Sie schöpft jetzt. Im Nebenraum.
In der Anderswelt.
Hier im Leben.
Was auch das Wort immer eingrenzen mag.
Oder ausgegrenzt hat.
Ihr helles Auge brennt unsere flüchtigen Shilouetten mit strahlender Konzentration in das
Papier, in die Leinwand. Ihre ruhige Hand führt uns mit wässrigen oder ölig gelösten
Pigmenten in immer neue Entwicklungsstadien.
Keine durchdringt die Ebenen wie sie.
Obwohl die Farben mit denen sie arbeitet
in vergrauender Leibfarbe verschwimmen, Wesen in Unschärfe aufscheinen,
sind sie wie aus einem gleißenden Licht geschöpft.
Aus dem Gegenlicht. Aus dem Tiefenlicht.
Ihr müsst eure analytischen Augen fast schliessen, um uns zu erkennen.
Wir, Gestalten, in einen weiten, von keiner scharfen Kante begrenzten Raum in die Materie
geworfen, dreigliedrige Wurmarten, sehnsüchtig Ausschau haltend nach mehr als
Reproduktion.
Wohin denn, wenn nicht in die Tiefe?
Ja, wir haben eine Seele. Wir, selbst als Steine.
Manches Mal sind wir selber Licht und von uns geblendet.
Miasmatischer Dunst verhindert, dass unsere Knochen gezählt werden können.
Wir sind immun, weil wir nicht ausgrenzen.
Wir sind alles. Wir sind ein Nichts.
Der Staub in dem wir uns wälzen ist uralt und voller Informationen.
Wir leben in einem Garten, der, abschüssig vom Wasser durchströmt,
die verschiedenen Erdzonen nachbildet.
Und die Sonne ist immer kurz davor zu versinken oder aufzugehen.
In albischer Gräue oder tramontischem Orange:
unsere Oberflächen senden grünschillernd bebend Lockstoffe aus.
Wir haben das Ockerauge der Wüste, brandrotes Terrakottaschamhaar oder verkohlte
Stümpfe, weil wir am Feuer vergessen wurden, als der Stamm weiterzog.
Trocken ist es hier oben, im Karst. Staubig sind unsere haarigen Facettenaugen und es kann
schon mal Knirschen, wenn wir neugierig unsere uralten knöchernen Zungen herausfahren.
Der Zehenspitzengänger mit dem Antennenhaar geht aufrecht
über die klastische Schüttung und bleckt die Zähne.
Hier, auf orogenetischem Territorium hat er die Höhe um das Fallen zu überblicken.
Ist es ein verzücktes Fallen, ein satanisches, ein Schneefall oder ein Wutanfall?
Wertung steht uns nicht zu.
Wir staunen über das sich verändernde Spektrum seines gekämmten Haarschopfes von
Elfenbein nach Perlmutter, von Fischblase nach Granitglimmer
und schämen uns nicht unserer Borsten.
Aus der chromoxydgrünen Rinde des tropischen Tronks lugen perlenschnürig die Augen
unserer niedlichen Polyphagen.
An ihnen kommt niemand vorbei.
Hier, tiefer im schuppigen Grün, spreizen die Vielfüssigen ihre rosig
doppelt gelochten Vulven. Fürchtet Euch nicht.
Das ist nur Drohfärbung.
Dahinter lächelt schüchtern die fahle Mondschädelmadonna.
Im seidigen Haar der felinen Wächterinnen glitzert Tau,
ihr matt samtschwarzes Augenpaar bildet Eingänge in uneinsichtige Höhlen.
Diese lassen wir heute links liegen. Sie sind überflutet vom Tränenstrom.
Wir wissen, dass dort die Flechten feuchtschwer vor den mit Umbra beschriebenen
Uteruswänden hängen. Lesen haben wir nicht gelernt.
Der Text wurde schon vorher in den Sensillen unserer Kopflappen gespeichert.
Manche träumt ihn wieder und wieder.
Feucht wird es nun.
Weiter westlich spannt sich eine osseotische Brücke über senkungsbereite Becken, die sanft
ausgelegt sind mit fluoreszierendem Moos.
Von oben tropft lunarer Mutterkuchen.
Hier liegen wir gepaart und richten unsere Saugrüssel in den stellaren Raum.
Durch Nähe sind wir nicht zu betrügen.
Mit Abstand sind wir die Schönsten.
Jetzt, angekommen in den feuchten Senken, hängt der Himmel niedriger.
Wir lieben das Fliegen im grauen Gewölk,
vom Kondenswasser die Flügel beinahe zu schwer.
Kinder! Widerstand wird belohnt.
Evaporates Kindspech steigt aus der Tiefseephase in seichte Gewässer
und beherbergt nun als Alge den Laich unserer vielbrüstigen Mitbewohnerin,
die wie wir alle ist:
vielzellig, kohlenstoffgesättigt und saumtief geschüttetes Mutterseelenallein.
Unser Mütterchen, ihren unbestechlichen Blick mit grösster Aufmerksamkeit auf uns
gerichtet, nebenan, fern den Bergen, dem Fluss so nah, baut uns auf.

Veröffentlicht in LIEB LEIB LEID LIED, 2021